Wenn Rechtsextremisten gedenken
NPD setzt auf Kriegsverbrecher und Rassismus
Frei nach dem Motto 'Wer Deutscher ist, bestimmen wir' setzt die NPD Thüringen im Landtagswahlkampf aggressiv auf das Thema Ausgrenzung. Dort wollen die Rechtsextremisten mit einer rassistischen Kampagne gegen den CDU-Politiker Zeca Schall Stimmung machen. Man will ihn "dazu animieren", "in seiner Heimat Angola ein neues Leben zu beginnen". Was die NPD unterschlägt: Schall ist deutscher Staatsbürger und lebt seit über 20 Jahren in Deutschland. Brandenburgische NPD-Funktionäre wie beispielsweise Ronny Zasowk, Andy Kucharzewski oder Kersten Radzimanowski wird diese Partei-Strategie sicherlich erfreuen - solange sie selbst noch nicht betroffen sind.
Interessanterweise fällt diese plumpe 'Ausländer raus'-Polemik zeitlich mit dem bei Rechtsextremisten sehr beliebten Rudolf-Heß-Todestag am 17. August zusammen. Heß selbst war eine Art NS-Quoten-Ausländer. Schließlich wurde er 1894 im ägyptischen Alexandria geboren. Schule und Studium besuchte er im Ausland. Sein Vater kam übrigens im heute italienischen Triest zur Welt. Damals gehörte die Stadt zu Österreich-Ungarn.
Hilter lernte Heß im Gefängnis kennen und ernannte den Wüstensohn 1933 zum Minister ohne Geschäftsbereich in seiner Regierung. Im Mai 1941 flog Heß nach Großbritannien, wurde festgenommen und 1945 im Nürnberger Prozess gegen Kriegshauptverbrecher angeklagt. Wegen Planung eines Angriffskrieges und Verschwörung gegen den Weltfrieden zu lebenslanger Haft verurteilt, starb er 1987 im alliierten Militärgefängnis Berlin-Spandau. NPD-Chef Voigt spricht jedoch von "Mord" und meint, Heß hätte "im Gegensatz zu anderen" den Friedensnobelpreis "verdient gehabt".
Voigt, seine NPD und zahlreiche Rechtsextremisten verehren damit einen Mann, der bis 1941 neben Hitler eine der führenden Gestalten im Nationalsozialismus war. Bis zu diesem Zeitpunkt wurden Rechtsstaat und freie Wahlen gewaltsam abgeschafft, Parteien verboten, Demokraten eingesperrt und ermordet, Konzentrationslager errichtet, Menschen mit den "Nürnberger Rassengesetzen" immer brutaler verfolgt und deren zigtausendfache industrielle Vernichtung vorbereitet sowie der Zweite Weltkrieg mit Millionen Toten ausgelöst.
Diese Schreckensbilanz hält Rechtsextremisten jedoch nicht davon ab, Heß als angeblichen "Friedensflieger" zu einer Art 'NS-Edelmann' umdeuten zu wollen. So will man das NS-Regime in ein besseres Licht rücken. Ziel ist Relativierung und Verharmlosung der Verbrechen. Denn wenn sogar der Hitler-Stellvertreter von angeblich ehrenhafter Gesinnung gewesen sei, dann müsse das auch für weitere Bereiche des Dritten Reichs gelten. Heß wird so zur Projektionsfläche eines angeblich positiven Nationalsozialismus.
Zurzeit kursieren Pläne und Aufrufe im Internet, spontane Gedenkveranstaltungen für den Hitler-Stellvertreter durchzuführen. Was jetzt schon angekündigt und beworben wird, kann nicht spontan sein. Wie im Fall Schall werden auch hier der demokratische Rechtsstaat sowie die Zivilgesellschaft angemessen und deutlich reagieren.


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